Stadt: Ihre Rolle in der europäischen Geschichte


Stadt: Ihre Rolle in der europäischen Geschichte
Stadt: Ihre Rolle in der europäischen Geschichte
 
Mit dem Ende des Weströmischen Reiches lassen sich für die Stadtgeschichte zwei Regionen in Süd-, Mittel- und Westeuropa unterscheiden. In Italien mit Ausnahme des Südens, Südfrankreich und auch in Spanien blieben städtische Strukturen häufig bis ins 8. Jahrhundert bestehen. Die Einwohnerzahl verminderte sich zwar teilweise drastisch, doch waren die Städte weiterhin weltliche und geistliche Zentren, getragen auch durch die Vielzahl von Bischofssitzen. Ravenna (ab 540 Hauptstadt des byzantinischen Herrschaftsbereichs in Italien) und schließlich Pavia wurden Residenzen der Ostgotenherrscher; Rom weitete sich, allerdings unter erheblicher Verminderung der benutzten Fläche, auf die Ufer des Tibers aus. Antike Arenen wandelten sich zu Festungen, indem man vorhandene Öffnungen zumauerte. Neugründungen wie Reccopolis in Kastilien griffen als Bergstädte spätantike Entwicklungen auf, was mehrfach zu beobachten ist. Der Bevölkerungsrückgang wurde durch das Auftreten der Pest ab 542 noch erheblich beschleunigt; ein Wachstum setzte erst wieder in der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts ein.
 
Anders verlief die Entwicklung zwischen Seine und Rhein. Östlich des Rheins gab es wie bereits in der Antike kaum urbane Zentren. Im Rheinmoselgebiet, genannt seien nur Köln, Bonn, Mainz, Worms und Trier, bestanden die civitates fast nur der äußeren Form nach weiter, auch wenn von merowingischen Großen Städte zeitweise als Residenzen genutzt wurden. Oft kam es zu Verlagerungen der Wohnbereiche nach außerhalb oder an die Peripherie der Mauern in die Nähe von Kirchen oder Nekropolen. Unterschiede zwischen den ehemaligen Zentral- und Kleinstädten verschwanden weitgehend; eine große Bedeutung hatte der Festungscharakter. Eine für die Weiterexistenz zentrale Rolle nahm die Kirche ein: einerseits als religiöser Mittelpunkt, andererseits als Nachfrage- und — eingeschränkt — als Produktionszentrum; daneben übernahmen Bischöfe zunehmend auch stadtherrliche Funktionen, wieder eingeschränkt unter den ersten Karolingern.
 
Im nordwestlichen Raum des europäischen Kontinents lassen sich seit dem 7. und dann verstärkt im 8. Jahrhundert mit den Emporien (Handelsplätzen) neuartige städtische Vorformen erkennen. Ansiedlungen wie Domburg auf Walcheren, Dorestad, Haithabu, Birka (mit dem Vorläufer Helgö) oder Kaupang wurden zu Handelszentren mit beruflich spezialisierter Einwohnerschaft und ortsansässigen Handwerkern. Der Fernhandel war auf Sklaven und Luxuswaren wie Bernstein, Felle, Waffen, Edelmetall, (friesische) Tuche, Wein, Glas- und Tonwaren beschränkt; im regionalen bzw. lokalen Handel kamen weitere Produkte hinzu. Es handelt sich aber nicht um Städte, die durch rechtliche Kriterien abzugrenzen sind, wie schon die spätantiken Städte weitgehend ihres Sonderstatus beraubt worden waren. Als Abgrenzungsmerkmale bieten sich vor dem 11./12. Jahrhundert verdichtete Bebauung, differenzierte Gewerbe- und Sozialstruktur, ein überwiegend nicht-agrarischer Charakter, Handels- oder Produktionszentren, kirchlicher sowie administrativer Mittelpunkt (zentralörtliche Funktionen) an. Stadtrecht und Mauer traten später hinzu. Über die innere Struktur der Emporien fehlen gesicherte Erkenntnisse; herrschaftliche und genossenschaftliche Elemente sind nebeneinander anzunehmen. Im 10. Jahrhundert wurden Birka und Haithabu mit Halbkreiswällen, aber auch Ansiedlungen jüngeren Datums wie Hamburg, Ribe und Århus befestigt. Dennoch blieben diese küstennahen städtischen Frühformen nur jeweils etwa 200 Jahre bestehen.
 
Allgemein belebte sich das Städtewesen in Nordwesteuropa ab dem 9., verstärkt im 10. und 11. Jahrhundert. Nach einer Zeit relativer Ruhe wurden wegen der Bedrohung durch die Normannen, die u. a. 845 Paris und 848 Bordeaux plünderten und später bis ins Mittelmeer vordrangen, Befestigungen neu angelegt oder vorhandene instand gesetzt. Für das Binnenland wurde die Verbindung von Burg und unbefestigter Siedlung prägend, häufig traten eine Kirche oder ein Stift hinzu. Auch in den alten Bischofsstädten findet sich eine derartige Verbindung von befestigtem geistlichem Bereich und Händler- bzw. Handwerkersiedlung(en). Im angelsächsischen Bereich boten gleichfalls Burgen, falls sie mit einem Markt in Verbindung traten, wichtige Ansätze für das Städtewesen; ähnliche Konstellationen kannte auch der westslawische Raum. Im Ostfränkischen Reich entwickelte sich die klassische Dreiheit von Markt, Münze und Zoll, wobei gerade Lokalmärkte siedlungsfördernde Wirkungen besaßen. Die Rechte wurden vom Herrscher an Grundherren vergeben; die Marktsiedlungen blieben herrschaftlich organisiert. Wichtig für das Wachstum waren eine günstige Verkehrslage, die Anlehnung an Herrschersitze als Nachfrageinstitutionen und teilweise die Anknüpfung an Ansiedlungen, die bereits zentrale Bedeutung besaßen, wie es beispielsweise bei Würzburg, Erfurt, Magdeburg oder Utrecht der Fall war. Ende des 10. Jahrhunderts bildeten sich Stadtrechtskreise heraus; die Privilegien ausgewählter Städte gaben das Vorbild für weitere Stadtrechtsverleihungen. In Nordostfrankreich und Flandern waren befestigte Sitze geistlicher und weltlicher Herren Kristallisationspunkte, wobei für den belgisch-niederländischen Raum kaum direkte Kontinuitätselemente zu antiken Städten bestanden. Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung erwies sich die Herausnahme des Marktes, der Stadt aus dem Landrecht, die Entstehung gesonderter Rechtsbereiche und der Übergang dieser Lokal- in Personalrechte und damit die Sicherung einer rechtlich herausgehobenen Stellung der Stadtbewohner.
 
 Die hochmittelalterliche Wachstums- und Blütephase
 
Bei weiter andauernden günstigen klimatischen Bedingungen setzte wohl ab der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts zuerst in Italien ein deutliches Bevölkerungswachstum ein, auch die Methoden der Bodenbearbeitung wurden verbessert (Dreifelderwirtschaft). Diese Voraussetzungen führten neben einer Intensivierung des Handels und der Geldwirtschaft zu einem bis zum Ende des 13. Jahrhunderts dauernden Aufblühen des Städtewesens, begleitet von der Binnenkolonisation. Die Nachfrage nach Handwerksprodukten wuchs, was zu einer Intensivierung und Differenzierung der zunehmend auf die Städte konzentrierten Produktion führte. In Flandern entwickelte sich ein erstes Zentrum der Tuchherstellung mit Brügge als wichtigstem Handelsort, über den englische Wolle importiert wurde. Ein sichtbares Zeichen der Trennung von Stadt und Land waren die nun entstehenden Mauern. Eng verbunden mit dem Befestigungsbau war das Aufkommen erster indirekter Steuern, die den Kommunen vom Stadtherren als Finanzierungsquelle zugebilligt wurden; das waren Ansätze zur Entwicklung städtischer Finanzverwaltung, ein Schritt hin zu weiterer Autonomie.
 
Am schnellsten wuchsen die oberitalienischen Städte und entwickelten sich teilweise zu Stadtstaaten, am glänzendsten repräsentiert von Venedig. Im 11. Jahrhundert hatten sich die Kommunen, dem Vorbild Cremonas (um 1030) folgend, nach und nach und erfolgreich gegen ihre bisherigen geistlichen Stadtherren erhoben. Auch den römisch-deutschen Kaisern gelang es nicht mehr, ihre Autonomiebestrebungen längerfristig zu unterbinden und ihnen gegenüber die eigenen formal weiter bestehenden Rechte durchzusetzen. Friedrich Barbarossas Ritterheer unterlag beispielsweise 1176 bei Legnano dem Mailänder Aufgebot. Daneben waren Genua und zunächst Pisa bedeutende Seehandelsstädte ebenso wie Marseille und Barcelona; aber auch Mailand, Bologna oder Florenz gewannen rasch an Bedeutung. Nicht zufällig setzte die Neuprägung von Goldmünzen nach den ersten Ansätzen Friedrichs II. in Florenz und Venedig ein. Das äußere Erscheinungsbild der Städte war außer durch Befestigung und Sakralbauten geprägt von den Geschlechtertürmen der führenden Familien.
 
Die Herrschaft der lombardischen Städte lag ab dem Ende des 11. Jahrhunderts nach Erringung der städtischen Freiheit zunächst in der Hand der Konsuln, häufig auf Schwurverbänden beruhend, aus den Reihen der kommunalen Oberschicht entstammend und für eine begrenzte Amtsdauer durch Wahlmänner gewählt. Allerdings förderte die Vielzahl von Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsschicht sowie der Aufstieg weiterer sozialer Gruppen und deren Anspruch auf Machtteilhabe die Entwicklung der podesterià, die Wahl eines stadtfremden Beamten, häufig eines Juristen, mit in der Regel nur kurzer Amtsdauer zum Oberhaupt der Kommune, um die Rivalitäten zu unterdrücken. Anders verhielt es sich in Venedig: Hier regierten seit dem 8. Jahrhundert Dogen, in einer komplizierten zehnstufigen Wahlhandlung erhoben; in den anderen Kommunen änderten sich Wahlverfahren häufig, bevor bestimmte Führungsgruppen ihre Macht durch konstantere Wahlmodi absicherten. Da die zunehmenden Probleme durch den podestà nicht mehr gelöst werden konnten, bildete sich schließlich im Spätmittelalter nicht nur in Mailand eine signoria, hier dominiert zunächst von der Familie della Torre, dann von den Visconti und nach einem kurzen republikanischen Zwischenspiel von den Sforza; für Florenz seien die Medici erwähnt. Die signoria, bei der anders als beim Amt des podestà Wiederwahl oder lebenslängliche Amtsdauer bis hin zur Vererbung möglich waren und deren Träger meist der jeweiligen Stadt entstammten, war nicht nur tyrannische Alleinherrschaft, sondern sicherte auch den innerstädtischen Frieden der zum Teil vollkommen zerstrittenen Geschlechter und weiterer Kreise der Einwohnerschaft, die sich vielerorts Mitspracherechte erkämpft hatten. Daneben errangen nicht nur die sich häufig bekämpfenden Städte Mailand mit dem gleichnamigen Herzogtum und Venedig mit der terra ferma, dem Festlandbesitz, große Territorien. Erst nach dem Fall Konstantinopels einigte man sich 1454 in Lodi auf einen Friedensvertrag, der die Abgrenzung der Gebietsansprüche und damit der Einflusssphären beinhaltete. Das Gleichgewicht der fünf dominanten Mächte Venedig, Mailand, Florenz, Kirchenstaat und Königreich Neapel wurde bei Sicherheitsgarantien für die kleineren Staaten nochmals bestätigt. Die ständig wiederkehrenden Versuche des Volkes, aktive Regierungsbeteiligung zu erkämpfen, waren höchstens, wie in Florenz, von kurz- oder mittelfristigem Erfolg gekrönt. Nachdem die Medici an die Spitze des städtischen Regiments gelangt waren, unterschied sich die Herrschaftspraxis kaum von der der Vorgänger, wiewohl die Tendenz zu zumindest oligarchischen Systemen ein allgemeines Phänomen war. In Venedig hatte man bereits 1297 mit der Schließung des »Großen Rates« die Herrschaft einer begrenzten Zahl von Familien gesichert, auch wenn in der Führungsgruppe Veränderungen stattfanden, neue Familien hinzustießen. Die süditalienischen Kommunen wie Neapel blieben dagegen fest in den »Staat« eingebunden, auch wenn dies sicher kein spannungsfreies Verhältnis bedeutete.
 
Paris als politisches Zentrum Frankreichs wuchs nur langsam aus verschiedenen Siedlungskernen zur einheitlichen Stadt. Mit dem Bau von Notre-Dame begann man 1163; die Stadtmauer wurde zwischen 1180 und 1210 errichtet und um 1370 erweitert, dazu kam die Universität. Bereits um 1200 erhielt Paris deutliche Hauptstadtfunktionen wie Kanzlei und Finanzverwaltung. An den großen Flüssen förderte der Brückenbau die Entwicklung der Städte wie etwa von Tours an der Loire. Die französischen Kommunen blieben herrschaftsgebunden, unterstanden dem regionalen Adel oder in zunehmendem Maße den Königen. Das bedeutende Stadtrecht von Rouen kannte bei aller Modernität öffentlicher Einrichtungen nur eine begrenzte Autonomie. Die konkrete Ausgestaltung war von den jeweils gegebenen Machtverhältnissen abhängig. In Zentralfrankreich ist ein Bischof nur für Le Puy und Clermont als alleiniger Stadtherr nachgewiesen, im Osten war dies analog zu den Verhältnissen im Heiligen Römischen Reich häufiger der Fall. In Toulouse beendeten die Albigenserkriege den Aufstieg zum autonomen Stadtstaat. In der Champagne bildete sich ein zentrales Messenetz heraus, das den Norden mit dem Süden Europas verband.
 
England kannte im 11. Jahrhundert nur wenige größere Städte wie London, Exeter, Norwich oder York. In London, 1077 und 1087 von Stadtbränden verheert, wurde das Königskloster Westminster Zentrum der Herrschaft; der Tower manifestierte den Machtanspruch der englischen Könige.
 
 Die Entwicklung im Reich
 
Im rechtsrheinischen Gebiet vergrößerten sich die Siedlungen, und auch hier entstanden Städtelandschaften, wenngleich in unterschiedlicher Ausprägung. Der Aufschwung Magdeburgs war eng mit den Ottonen verbunden, die im Norden wie die Salier im Südwesten das Städtewesen förderten. Nur in wenigen Fällen konnte im Donaugebiet wie in Augsburg oder Regensburg an spätantike Städte angeknüpft werden. In den Bischofsstädten blieb das geistliche Oberhaupt zunächst fast immer Stadtherr, bevor es etlichen Kommunen wie Basel, Straßburg, Speyer, Worms, Mainz oder Köln auf friedlichem oder militärischem Wege gelang, sich die Unabhängigkeit zu sichern. Trier hingegen musste sich trotz jahrhundertelanger Auseinandersetzungen letztlich der Herrschaft des Erzbischofs beugen, und die Mainzer verloren ihre Rechte wieder. Für ihre erste Erhebung gegen Erzbischof Anno II. mussten die Kölner 1074 noch einen hohen Preis zahlen, doch im folgenden Jahrhundert erweiterte die Bürgerschaft ihre Befugnisse allmählich, bevor der Bischof 1288 nach der verlorenen Schlacht von Worringen endgültig seine Macht einbüßte. Häufiges Mittel zum Erwerb weiterer Rechte war die Pfandnahme durch die Kommunen von den in Finanznöten steckenden Stadtherren.
 
Die Reichsstädte, konzentriert im oberdeutschen Raum, unterstanden direkt den Herrschern, die zunächst die konkrete Stadtherrschaft und die Gerichtsbarkeit kontrollierten (Vogt, Schultheiß), bevor Autonomiebestrebungen, begünstigt durch das Interregnum, die Beziehungen häufig auf eine fiskalische Ebene reduzierten. Neben der Finanzkraft hing die Qualität der Beziehungen zum König wie bei den Territorien von der geographisch-politischen Lage ab, sodass z. B. Lübeck wie weite Teile Norddeutschlands zum königsfernen Bereich zählten. Der Terminus Reichsstadt (civitas imperii) anstelle von »Königsstadt« oder Ähnliches wurde seit Rudolf von Habsburg gebräuchlich, wohl auch ein Ausdruck des gewandelten Verhältnisses. Im Gegensatz zu vielen Territorial- oder Landstädten gelang es diesen zumeist, eine quasi-autonome Stellung zu erreichen, auch wenn alle Städte Selbstverwaltungsorgane kannten, zunächst wohl stärker durch Wahlen besetzt, dann vom Kooptationsprinzip dominiert, bevor häufig innerstädtisch wieder eine weitere Öffnung erzwungen wurde. Der Vergleich mit oberitalienischen Stadtstaaten dürfte aber nur bei den wenigsten Kommunen wie Nürnberg, Augsburg oder Köln angebracht sein, häufig fehlten neben dem Faktor Größe ein Territorium und vor allem die direkte, auch ökonomische Beherrschung des Umlandes. An der Ostsee entstand im Gefolge Lübecks seit dem 12. Jahrhundert eine Vielzahl von Städten deutschen Rechts.
 
 Einige Anmerkungen zur Sozialstruktur
 
Nur annähernd lässt sich die soziale Schichtung der mittelalterlichen Stadt beschreiben, eine Gesamtanalyse ist auch aufgrund der Quellenlage nicht zu leisten. Neben dem an Bedeutung zunehmenden Vermögen — auch die Partizipation an der Stadtverwaltung setzt dies wegen der Abkömmlichkeit voraus — sind Kriterien wie Ehre/Ehrbarkeit, berufliche Stellung oder sozialer Status des Berufs als Schichtungskriterien zu nennen. Das Vermögen der Stadtbewohner lässt sich anhand von Steuerlisten trotz einer Vielzahl von Einzelproblemen teilweise rekonstruieren; deutlich werden zumindest relative Abgrenzungen. Zur Oberschicht gehören nach dem Schichtenmodell Erich Maschkes (Groß-)Kaufleute und Rentenbezieher, die Mittelschicht ist nochmals in eine obere und eine untere gegliedert, zur ersten gehören aufsteigende Händler sowie Handel treibende Handwerker, zur unteren die manuell tätigen Handwerker. Die Handwerker organisierten sich zumeist in Zünften oder ähnlichen Organisationen, die mehr waren als nur ein ökonomischer Interessenverband, während die Unterschicht schließlich eine heterogene Gruppe von Gesellen, Lohnempfängern, Bettlern, Armen und anderen umschloss. Außerhalb der eigentlichen Stadtgemeinde standen die in ihrem Handlungsspielraum immer stärker beschnittenen, falls überhaupt geduldeten, Juden und die Geistlichkeit. Möglichkeiten zum Aufstieg in die Oberschicht boten im Wesentlichen nur die Teilnahme am Fern- und Großhandel, auch wenn »die« mittelalterliche Stadtgesellschaft keine statische war, regionale und soziale Mobilität wichtige Faktoren bildeten. Die Oberschichtangehörigen der großen Handelsstädte waren sicherlich absolut einer anderen Kategorie zuzuordnen als die in kleineren Mittelstädten oder in agrarisch geprägten Kleinstädten. Zur Oberschicht, ab dem 16. Jahrhundert als Patriziat bezeichnet, zählten auch die ehemals unfreien Ministerialen. Reiche Kaufleute gingen mit dem Landadel Verbindungen (Konnubium) ein, zogen sich partiell selbst auf ihren zum Teil ausgedehnten Landbesitz zurück. Dagegen blieb in Oberitalien ein Teil vor allem des niederen Adels stadtsässig und an der Stadtherrschaft beteiligt.
 
 Spätmittelalterliche Tendenzen
 
Die urbane Expansion, erkennbar an der Neuanlage von Städten, dem teils rasanten Wachstum von Siedlungen und der mehrmaligen Erweiterung des Mauerrings, fand im 14. Jahrhundert ihr Ende. Den ohnehin schon bestehenden Bevölkerungsrückgang beschleunigten die erstmals seit dem Frühmittelalter 1347/48 in Europa wieder einsetzenden Pestepidemien drastisch. Während des gesamten Mittelalters und darüber hinaus blieben die Städte auf den Zuzug von Landbewohnern angewiesen, um die Bevölkerungszahl wenigstens konstant zu halten. Allerdings übten die Städte auch eine erhebliche Anziehungskraft aus: Die Möglichkeit, persönliche Freiheit zu erlangen und die eigene finanzielle Lage zu verbessern, dürfte für viele Landbewohner neben der günstigeren Infrastruktur der Städte ausreichendes Motiv für die Zuwanderung gewesen sein. Daneben setzte sich gerade in den Städten die Rationalisierung und Säkularisierung der (erlebten) Zeit als Ausdruck eines gewandelten Verständnisses der Umwelt durch.
 
Parallel zum Aufblühen des Städtewesens hatte zunächst eine besonders von kirchlichen Kreisen getragene Städtekritik eingesetzt, wonach die Städte fast bis zur Gegenwart als Orte des Übels, der Laster und der Sünde gebrandmarkt wurden. Demgegenüber war das Städtelob, natürlich primär von Bürgern vorgebracht, eine Neuerung des Spätmittelalters; allerdings bewertete bereits der Theologe und Philosoph Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert die Stadt als durchaus positiv.
 
Trotz der Bedeutung der Städte lebte in Europa auch am Ende des Mittelalters noch die Mehrzahl der Bewohner auf dem Land, in den urbanisierten Gebieten Oberitaliens und Flanderns war der Anteil der Landbewohner wohl am niedrigsten. Im Reich war zudem die überwiegende Menge der Kommunen Klein- und Kleinststädte mit bis zu 2000 Einwohnern. Von Großstädten wird allgemein erst ab 10000 Einwohnern gesprochen. Die Zahlenangaben zu Bewohnern sind weitestgehend Schätzungen, Zählungen blieben Ausnahmen. Anhaltspunkte bieten u. a. Steuerverzeichnisse und Musterungslisten, wobei meist die Haushaltsvorstände mit einem Faktor zwischen 4 und 5 multipliziert werden, um verlässliche Größenordnungen zu erhalten. Problematisch bleibt der Umfang der methodisch so nicht zu erfassenden Angehörigen der Unterschicht. In Nürnberg, Augsburg, Wien, Prag oder Lübeck zählte man im 15. Jahrhundert etwa 25000, in Köln als der größten Stadt im Reich wohl über 40000 Einwohner, in Frankfurt am Main und Basel dagegen weniger als 10000. In den südlichen Niederlanden waren die Einwohnerzahlen höher: Gent erreichte im 14. Jahrhundert etwa 60000, Brügge, Tournai und Löwen zählten etwa 40000 bis 50000 Einwohner. In den deutlich dichter besiedelten Städten Oberitaliens lagen die Zahlen nochmals darüber: Im 1. Drittel des 14. Jahrhunderts dürfte Florenz mehr als 100000 Einwohner gehabt haben, bevor die Seuchenausbrüche die Zahl drastisch reduzierten; der Kataster von 1427 weist 38000 Einwohner aus. Mailand dürfte bereits um 1300 über 100000 Einwohner in seinen Mauern beherbergt haben, Venedig nur geringfügig weniger. In London lebten 1377 etwa 35000 Menschen, in Paris zu Beginn des 14. Jahrhunderts wohl 80000. Im frühen 16. Jahrhundert zählten Konstantinopel, Paris und Neapel als bevölkerungsreichste Städte Europas zwischen 150000 und 200000 Einwohner, Venedig und Mailand über 100000.
 
Wie erwähnt, stagnierte ab dem 14. Jahrhundert zunächst das urbane Größenwachstum, während Entwicklungen der städtischen Ökonomie weniger oder nicht betroffen waren. Der von Karl IV. betriebene Ausbau Prags war eine der wenigen Ausnahmen, auch Avignon dürfte zunächst als päpstliche Residenz profitiert haben. Der Aufstieg Frankfurts am Main zu einem Messezentrum fiel gleichfalls in diesen Zeitraum. Vorangetrieben wurde dagegen die innere Gestaltung der Städte. Man errichtete repräsentative Gebäude in privatem oder öffentlichem Auftrag; besonders die Rathäuser besaßen als Ausdruck bürgerlichen Selbstverständnisses einen hohen Symbolwert; unter hygienischen Aspekten ist die Bedeutung der Intensivierung bzw. des Beginns der Straßenpflasterung hoch einzuschätzen.
 
Seit dem Spätmittelalter lässt sich eine Entwicklung der führenden Familien hin zur Obrigkeit erkennen. Die eigene sozial-politische Stellung sicherten sie nach unten ab; in ihrem Lebensstil ahmten sie den des Adels nach. Der Rat als Institution entwickelte sich trotz der Abhängigkeit seiner Mitglieder von Wahlen stärker als zuvor zur »Herrschaft«, die Gehorsam einforderte. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts fand die soziale Unzufriedenheit breiter Einwohnerschichten zunächst in Oberitalien und in den Niederlanden in Aufständen gegen die führenden Familien ihren Ausdruck. Letztlich führten die innerstädtischen Unruhen des Spätmittelalters zur Verbreiterung der Führungsschicht in den einzelnen Städten, ohne dass jedoch die Mehrzahl der Handwerker oder gar der abhängig Beschäftigten mittelfristig aktiv in das Stadtregiment eingebunden worden wäre. Für den Wandel zur Obrigkeit spielte es kaum eine Rolle, ob das Stadtregiment formal von Zünften getragen wurde oder nicht.
 
Einen deutlichen Ausdruck fand der Abschluss nach unten im Nürnberger Tanzstatut von 1521. Mit dem Zugang zum Tanz auf dem Rathaus wurde quasi der Zugang zum städtischen Rat geregelt, da der Tanz nur ratsfähigen Geschlechtern gestattet war, die zum Teil über erheblichen Landbesitz verfügten und sich aus dem aktiven Handel zurückgezogen hatten. Das hier aus 42 Familien bestehende Patriziat versuchte mit Geschlechterbüchern seine altadlige Herkunft und Adelsgleichheit zu belegen, und in den folgenden 200 Jahren gelang dann auch nur noch einer Familie die Aufnahme in diesen Kreis. Nürnberg bildete jedoch einen Sonderfall, weil hier die Geschlechter nach den Unruhen 1348/49 das Stadtregiment in ihrer Hand hatten, Zünfte verboten wurden und die Zusammenschlüsse der Handwerker obrigkeitlich reguliert waren. Soziale Differenzen und Schichtungen lassen sich auch anhand des Zugangs zu den verschiedenen Trinkstuben mit zum Teil ausgeprägter Exklusivität erkennen. Herrschaft bedeutete aber nicht nur Ausbeutung und Unterdrückung. In Krisenzeiten mussten Teile der Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln unterstützt werden, eine der Legitimationen für steuerliche Belastungen der Einwohnerschaft. Nach der Reformation wurden die Disziplinierungsmaßnahmen mit religiösem Überbau intensiviert. Nach außen verdeutlichte sich der soziale Rang in vielen Fällen durch das Tragen bestimmter Kleidung bei ebenfalls zunehmender Reglementierung nach unten. Das Verlagswesen als System dezentraler Gütererzeugung verzahnte Teile der Produktion in Stadt und Land enger, die entstehenden Abhängigkeiten traten deutlicher hervor, als dies davor der Fall war.
 
Für die kommunale Administration gewannen studierte Juristen zunehmend an Bedeutung, hier boten sich später ebenso wie in den protestantischen Kirchen neue Möglichkeiten für das Bürgertum. Ende des 15. Jahrhunderts begann man zudem, die Städte mit restriktiveren Aufnahmebedingungen vor ungewolltem Zuzug vor allem armer Landbewohner zu verschließen. Neben einer Verfestigung sozialer Strukturen, man denke an die zunehmend strikter gehandhabte Aufnahmepraxis der Zünfte, gelangten gerade in Residenzstädten oder Kommunen mit zentralen juristischen oder administrativen Instanzen landesherrliche Funktionsträger in führende Positionen der städtischen Verwaltung, wie überhaupt der Fürstendienst sich zu einer weiteren Möglichkeit des Aufstiegs auch für Nichtadlige entwickelte. Am Ende des Alten Reiches erwiesen sich die meisten Reichsstädte als vollkommen überschuldet, verursacht durch das Fehlen zentraler Finanzinstitutionen. Zudem verloren die oberdeutschen Städte im 17. Jahrhundert weitgehend den Anschluss an neue ökonomische Entwicklungen, während es beispielsweise Hamburg gelang, sich den veränderten Umständen anzupassen. Ungünstig für sie war weiterhin die merkantilistische Politik, mit der die Territorien ihre Wirtschaft flächendeckend unter Ausschluss der Reichsstädte zu fördern versuchten.
 
 Am Beginn der Neuzeit — Altes und Neues
 
Auch mit Beginn der Neuzeit änderte sich zunächst nur wenig, wobei erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Städten bestanden. Die zentralen Orte auch nördlich der Alpen wiesen zunehmend mehr Steinhäuser auf, vom Stadtregiment zum Teil nur verordnet, aber immer wieder auch finanziell gefördert; trotzdem gelang es nicht, Feuersbrünste zu verhindern. Als Antwort auf die effizientere Artillerie entstanden bei ausreichender Finanzlage riesige Befestigungsanlagen, wobei das Schussfeld vor den Mauern der Stadt freizuhalten war.
 
Neue Stadttypen waren im nordwesteuropäischen Raum die bereits ins Mittelalter zurückreichenden Bergstädte, die im Zuge der Konfessionsspaltungen entstehenden Exulantenstädte für die wegen ihrer Konfessionszugehörigkeit Vertriebenen und die vom Militär geprägten Garnisonsstädte. Die nun vermehrt in den Städten zu findenden landesherrlichen Residenzen führten nicht nur zu teilweise beträchtlichen Veränderungen der baulichen Gestalt, sondern partiell zu einem erheblichen Wachstum und zu sozialen Umschichtungen. Die Integration der »Beamten« in die städtischen Gesellschaften war eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe. Differenzen zur eingesessenen Bürgerschaft besonders im Hinblick auf bürgerliche Lasten konnten nur langsam abgebaut werden. Die Trennung von nun teilweise stadtsässigem Adel und Bürgertum zeigte sich baulich und sozialtopographisch. Zusätzlich entstanden befestigte Grenzstädte, wenn auch nicht immer in so exponierter Lage wie La Valetta, die neue Zentrale des Johanniterordens auf Malta nach dem Fall von Rhodos; in Frankreich war der Festungsbau eng mit dem Namen des französischen Baumeisters und Marschalls Vauban verbunden.
 
Neugründungen ermöglichten es Stadtplanern, ihre Vorstellungen von geometrischer Regelmäßigkeit, wohl als Ausdruck von Aufklärung und Rationalisierung, zumindest partiell zu realisieren. Die Literatur beschrieb gleichzeitig derartige Idealtypen, erwähnt seien nur die »Utopia« des Thomas More oder Dürers Stadtentwurf. Andere Städte erfuhren eine planmäßige Erweiterung wie Amsterdam; Haarlem »nutzte« einen Stadtbrand zum planvollen Wiederaufbau, und auch in Rom versuchte man regelmäßige Formen und lange Achsen in das Stadtbild baulich einzufügen, bevor die erneute Blüte im 17. Jahrhundert unterbrochen wurde. Versailles entwickelte sich binnen weniger Jahre zur Residenz der französischen Könige, ausgebaut zum Sitz von Hof und Verwaltung, die 1682 dorthin übersiedelten; es war Vorbild auch für Karlsruhe, Rastatt und Lunéville.
 
Viele Metropolen wuchsen mit atemberaubendem Tempo: Paris vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des folgenden etwa auf das Doppelte, von etwa 200000 auf über 400000 Einwohner, und London wirkte gleichfalls wie ein Magnet. Lebten zwischen 1550 und 1574 etwa 2,7 Prozent der Bewohner Englands in der Hauptstadt, so waren es zwischen 1675 und 1724 schon 11,4 Prozent. Vergleichbar ist Amsterdam, wenn auch bei absolut niedrigeren Zahlen (um 1600: 50000, um 1700: 200000 Einwohner). Die Stadt profitierte u. a. von der Eroberung Antwerpens durch die Spanier — viele der dort ansässigen Kaufleute ließen sich nun in Amsterdam nieder — sowie vom Aufstieg der Niederlande zu einer führenden Handelsmacht. Die Vereenigde Oost-Indische Compagnie wurde mithilfe der Stadt Amsterdam 1602 gegründet, um die Aktivitäten der Kaufleute zu koordinieren. In gewisser Weise trat Amsterdam die Nachfolge Venedigs, Antwerpens oder Genuas an. Die überseeische Expansion führte allgemein zu einer Verlagerung der Handelszentren und -wege, von der in erster Linie die günstig zum Atlantik gelegenen Städte profitierten, während die italienischen Handelsmächte unaufhaltsam an Bedeutung verloren. Innerstädtisch bildeten die im 17. Jahrhundert aufkommenden und sich rasch ausbreitenden Kaffeehäuser eine Neuerung, die auch zu einem wichtigen Diskussionsforum wurden. Für die weiterhin ausbrechenden Unruhen lassen sich vier Hauptmotive ausmachen: Hunger, Lohnstreitigkeiten, Steuerproteste und in gemischt-religiösen Städten religiöse Verfolgungen.
 
Die Städte im Reich fielen im europäischen Vergleich deutlich zurück. Einerseits wirkte sich die unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges aus, zum anderen fehlte ein Zentrum wie London oder Paris. Als die Städte expandierten, geschah dies, mit Ausnahme Wiens und Berlins, auf niedrigerem Niveau; bemerkenswert ist dabei der durch die Messe begünstigte Aufschwung Leipzigs. Daneben banden die (Territorial-)Staaten die Kommunen mit wenigen Ausnahmen immer stärker ein, wenn auch die politische Selbstverwaltung nicht vollständig aufgelöst wurde und die Städte durchaus vom Fürstenstaat profitieren konnten. Das weitere Wachsen der modernen Staaten, insbesondere die zunehmend auch realisierte und nicht mehr nur beanspruchte Übernahme der Friedenswahrung, ließ dann im 18. Jahrhundert erste urbane Agglomerationen ohne Mauern entstehen.
 
 Industrialisierung - Wachstum und neue Probleme
 
Ein neues Kapitel der Stadtgeschichte begann mit der Industrialisierung. Es entstanden Agglomerationen bisher nicht bekannten Ausmaßes und in Gebieten, die vorher kaum Städte kannten, wie den Kohle- und Stahlrevieren in England, Belgien, Frankreich oder im Ruhrgebiet; andere bestehende Zentren verloren dagegen an Bedeutung. Manchester wuchs, begünstigt zunächst durch die Wollindustrie — der die Schwerindustrie folgte — und infolge der schnellen Schaffung von Eisenbahnverbindungen, vom letzten Drittel des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von 41000 auf 300000 Einwohner, Essen zwischen 1850 und 1910 von 9000 auf 295000. Die Urbanisierung, verstanden als quantitativer Prozess der Verstädterung und als Durchsetzung der städtischen Lebensform, schritt rasant voran. Auch sozialtopographisch lassen sich Veränderungen feststellen: Die Innenstädte, früher bevorzugte Wohnquartiere, wurden von den vermögenderen Schichten verlassen, die sich in der ruhigeren und gesünderen Atmosphäre der Peripherie niederließen. Selbst im Gebiet des Deutschen Reiches verlor die Stadt ihre rechtliche Sonderstellung, und der Begriff Bürger musste mit neuen Inhalten gefüllt werden; der Wandel vollzog sich vom Stadt- zum Staatsbürger.
 
Die dichter werdende Besiedlung, das ungeregelte Wachsen von Vorstädten forderten von den städtischen Magistraten ebenso wie vonseiten des Staates Eingriffe gerade unter hygienischen Gesichtspunkten; das verseuchte Trinkwasser ließ die Cholera im 19. Jahrhundert immer wieder ausbrechen. Ungesunde Wohnverhältnisse in den zunehmend standardisierten Mietwohnungsbauten sowie hohe Belegungszahlen förderten die Verbreitung weiterer Seuchen, die unzureichende Ernährungslage führte zu Mangelerkrankungen. Die gesamte Infrastruktur wie die Zu- und Ableitung von Wasser, der Straßenbau, die Versorgung mit Elektrizität, aber auch Schulen und Krankenhäuser, musste den veränderten Bedingungen angepasst werden. Die Wohnverhältnisse waren zu verbessern, aber auch der wachsende Eisenbahn- und schließlich der Kraftfahrzeugverkehr mussten integriert werden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war das Problem der Wasserver- und -entsorgung in den meisten nordwesteuropäischen Städten weitgehend akzeptabel gelöst, wobei dieser Prozess sicherlich auch durch die bakteriologischen Entdeckungen von Robert Koch und Louis Pasteur gefördert wurde. Einen Sonderfall hinsichtlich der Neuerungen bildeten die noch vorhandenen Festungsstädte, hier mussten zunächst die umfangreichen Bastionen geschleift werden, deren Grundflächen zum Teil für die Anlage von Ringstraßen oder als Grüngürtel genutzt wurden.
 
Eines der ambitioniertesten Programme verfolgte sicherlich der Präfekt George Eugène Haussmann in Paris: Ganze Straßenzüge wurden hier 1853 bis 1870 mit Wasserleitungssystemen neu angelegt, alte mitsamt der Bebauung beseitigt. Die Stadt zählte um 1850 bereits über eine Million und 1880 über zwei Millionen Einwohner, London 1850 etwa 2600000, und auch Wien und Berlin erreichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zweimillionengrenze. Ende des 19. Jahrhunderts begannen auf breiter Front planmäßige Stadtentwicklungen, zu denen auch der Bau von Untergrundbahnen zählte. Dem wachsenden Verkehr standen häufig die noch vorhandenen Stadttore im Wege, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vielfach abgerissen wurden. Bereits vor dem Entstehen von Arbeiterorganisationen galt die Stadt als Hort revolutionärer Ansichten: Hier trafen die sozialen Gegensätze auf engem Raum aufeinander und führten zu Unruhen, und hier lebten geringer integrierte und lohnabhängig beschäftigte Bevölkerungsgruppen — das sich formierende »Proletariat«.
 
Die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts differieren stark. Ein gemeinsames Kennzeichen scheint der Rückzug der Industrie aus den urbanen Kernen zu sein, die Stadt wird zum Wohnort und zum Sitz des Dienstleistungsbereiches, des tertiären Sektors, und beide Funktionen treten in Konkurrenz. Dadurch sinkt teilweise in den alten Industriestädten die Bevölkerungszahl, und Zentren veröden, während soziale Spannungen wieder wachsen. Die Regulierungen durch Staat und Kommunen werden intensiver, und die Akzeptanz für derartige Maßnahmen wächst zumindest zunächst gleichfalls. In den Randzonen der Städte wird die Unterscheidung von Stadt und Land schwieriger, traditionelle Grenzen verwischen, zumal auch große Teile der Landbevölkerung nicht mehr in der Agrarproduktion tätig sind. Einschneidende Folgen für die Stadt besonders in Deutschland brachte der Zweite Weltkrieg mit sich. Die Zerstörungen mussten beseitigt, der Wiederaufbau betrieben werden. Unter derartigen Zwängen erscheint es nicht immer berechtigt, die entstandenen, sicher in vieler Hinsicht verbesserungswürdigen Bauten, unter ästhetischen Gesichtspunkten zu kritisieren, sogar zu verdammen. Funktionale Kriterien führen natürlich zu einer weitgehend gleichförmigen Bauweise; individuelle städtische Konturen gehen dabei verloren, und dies lässt bei großflächiger Bebauung derartige Siedlungen mittelfristig zu sozialen Brennpunkten werden. Andererseits scheint jedoch auch die viel zitierte »Krise der Stadt« ein Phänomen von nur begrenzter Dauer zu sein. Ob deren Lösung freilich das »postmoderne« Bauen bringen kann, bleibt offen.
 
Prof. Dr. Ulf Dirlmeier; Dr. Bernd Fuhrmann, Siegen
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
kommunale Bewegung: Städte und Städtebünde auf dem Höhepunkt ihrer Macht
 
Stadtentwicklung: Das neue Bild der Stadt als Superorganismus

Universal-Lexikon. 2012.

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  • Stadt: Stadtentwicklung und Stadtgesellschaft im Mittelalter —   Ein Leben ohne urbane Strukturen können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind längst verwischt. Auch unsere Dörfer haben heute gepflasterte Straßen, die Lebensbedingungen sind hier nicht grundsätzlich …   Universal-Lexikon

  • Geschichte Hadelns — Der altsächsische Gau Haduloha (der Name wird meist als Kampfwald gedeutet) umfasste sowohl das Gebiet der späteren Landschaft Land Hadeln als auch das Land Wursten sowie die Geest und Moor Gebiete rund um das heutige Bad Bederkesa. Im Norden… …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte von Hadeln und Wursten — Der altsächsische Gau Haduloha (der Name wird meist als „Kampfwald“ gedeutet, wobei es sich aber vielleicht nur um eine Volksetymologie handelt[1]) umfasste das Gebiet zwischen der Mündung der Elbe im Norden und der Nordsee im Westen (nördlich… …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte Polens — Wappen Polens Die – ungeschriebene – Vorgeschichte Polens brachte eine Ansammlung slawischer Stämme, Burgen, Siedlungen und Grabstellen hervor. Eine ethnische Zuordnung ist unsicher.[1] Die heutige Unwissenheit über Polens Ursprünge ist Folge der …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte Russlands — „Tausend Jahre Russland” (1862). Monument vor der Sophienkathedrale in Nowgorod Die Geschichte Russlands bietet einen Überblick über die Vorgeschichte, Entstehung und den zeitlichen Verlauf des russischen Staates[1]. Ausgehend von der frühesten… …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau — Die Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau lässt sich fast 900 Jahre zurückverfolgen. Knapp 100 Jahre nach der Stadtgründung im Jahre 1120 durch die Zähringer starb deren Geschlecht aus. Als Stadtherren folgten die ungeliebten Grafen von… …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte Uruguays — Flagge Uruguays Lage Uruguays in Südamerika …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte Freiburgs — Die Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau lässt sich fast 900 Jahre zurückverfolgen. Knapp 100 Jahre nach der Stadtgründung durch die Zähringer starb deren Geschlecht aus. Es folgten die ungeliebten Grafen von Freiburg als Stadtherren, deren… …   Deutsch Wikipedia